Dienstag, 24. März 2015

Deutsche Agentur für Datensicherheit

 
Der "gläserne Bürger" - Eine Intervention im halböffentlichen Raum
 
Im Rahmen des Seminars "Interventionen im öffentlichen und halböffentlichen Raum" der Universität Osnabrück fanden im Wintersemester 2014/2015 unter der Leitung von Ruppe Kosellek viele interessante Projekte statt. Beispielsweise wurde ein Kuscheltiermassaker in der Osnabrücker Fußgängerzone veranstaltet, bei dem wir die Tierpelzproduktion, von der Schlachtung bis zur fertigen Felldecke, nachstellten. Ein weiteres Projekt nannte sich "Bitte bedienen Sie sich" und beschäftigte sich mit einem spendenden Bettler, der die Passanten aufforderte sich etwas Geld zu nehmen, anstatt etwas zu geben. Die von mir durchgeführte Intervention heißt "Deutsche Agentur für Datensicherheit" und befasst sich mit der komplexen Diskussion rund um das Thema Datenschutz und der Frage, wo öffentlicher Raum beginnt und Privatsphäre endet.
 
In den letzten Jahren wird immer häufiger diskutiert, wie wichtig Datenschutz ist. In erster Linie geht es dabei nicht um die Daten selbst, sondern um das Recht jedes Einzelnen, Informationen über sich kontrollieren zu können. Der öffentliche Raum wird hier nicht als physisch, sondern vielmehr als sozial oder mental verstanden. Die Frage ist, wo dieser öffentliche Raum endet und wo die individuelle Privatsphäre beginnt. Seit den Anschlägen auf das World Trade Center versucht der Staat möglichst viele personenbezogene Daten seiner Bürger zu sammeln (z.B. durch biometrische Merkmale in den Ausweisen, neue Richtlinien zum Zugriff auf Konto- und Flugbewegungen, die Durchsuchungen privater Rechner und durch das Gesetz der Vorratsdatenspeicherung etc.). Das Interesse des Staates ist dabei augenscheinlich nicht, die Privatsphäre der Bürger in die Öffentlichkeit zu zerren, sondern vielmehr exklusive Informationen über sie zu erhalten. So kommt es immer wieder zum Konflikt "Staat gegen Bürger", wobei der Datenschutz und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung die wahrscheinlich wichtigsten modernen Abwehrrechte der Bürger darstellen.
 
Der Begriff "gläserner Bürger" wird als Metapher des Datenschutzes verwendet und beschreibt den als negativ empfundenen leichtfertigen Umgang mit Daten jeglicher Art, sowie die vollständige Durchleuchtung des Menschen und seines Verhaltens durch den überwachenden Staat. Aus Sicht der Datenschützer ist es sehr problematisch, dass viele ihre Daten freiwillig preisgeben obwohl sie dies gar nicht tun müssten. Ein vollständiger Verlust der Privatsphäre und des Rechtes auf informationelle Selbstbestimmung wird befürchtet. Im Jahr 1983 urteilte das Bundesverfassungsgericht, dass jeder Mensch das Recht darauf hat, zu erfahren wer was wann über ihn weiß. Allerdings ist dies in der heutigen Zeit leider nicht mehr der Fall, da es  z.B. Videoüberwachungen auf öffentlichen Plätzen, Aufzeichnungen von Telefonaten oder die Möglichkeit  einer ständigen  Ortung über die Handynetze gibt. Zudem trägt jeder Mensch selbst dazu bei, dass er seiner Privatsphäre entledigt wird, z.B. durch die privaten Angaben bei Facebook oder Twitter. Das Internet vergisst nichts. Die sozialen Netzwerke speichern alle angegebenen Daten, mit wem der Nutzer kommuniziert und alle Bilder, die hochgeladen werden. Es ist kaum mehr möglich keine digitalen Datenspuren zu hinterlassen, sodass jeder mithilfe ein paar Mausklicks private Dinge über jede andere beliebige Person erfahren kann.

Dieser leichtfertige Umgang mit persönlichen Daten kann viele schwerwiegende Folgen mit sich bringen: z.B. Tracking, Cyber-Mobbing, Stalking oder auch Hacking. Mithilfe meiner Intervention "Deutsche Agentur für Datensicherheit" mochte ich  auf diese Gefahren des Internets aufmerksam machen. Ich versetzte mich dafür in die Rolle eines Stalkers und versuchte, möglichst viele Informationen über bestimmte Personen zu beschaffen, die meiner Meinung nach zu viel Persönliches über sich selbst im Internet preisgeben. Zunächst machte ich aber einen Selbstversuch und führte das Projekt an meiner eigenen Person durch. Ich suchte bei Facebook und Google nach Informationen über mich selbst und verfasste darüber anschließend einen Fließtext in Briefform.
Um diesen Brief authentisch wirken zu lassen, designte ich einen Briefkopf, überlegte mir einen Namen und ein Logo für den Absender und erstellte eine passende E-Mail-Adresse. Der Absender wurde die "Außenstelle Osnabrück der Deutschen Agentur für Datensicherheit", der Betreff lautete "Großprojekt Datensammlung" mit dem Bezug zur Dateninkontinenz und verantwortlich für die Bearbeitung des Schriftverkehrs wurde A. Becker mit der E-Mail: becker.DAD@gmx.de.

Während der Besprechung meiner Intervention im Seminar kamen wir zu dem Entschluss, dass dieser DAD-Brief noch um ein Korrekturformular erweitert werden sollte, damit auch eine Reaktion des Betroffenen  möglich wird. Dieses Rücksendeformular fordert den Adressat auf, die persönlichen Informationen des Briefes auf ihre Richtigkeit zu überprüfen, sie gegebenenfalls zu korrigieren und der DAD
 weitere, bisher unbekannte Daten, z.B. die Körpermaße und das Körpergewicht, zukommen zu lassen. Zudem formulierten wir für den Brief noch einen Abschlusssatz, der um eine baldige Rücksendung des Korrekturformulars bittet und dabei androht, die Datensicherheit nicht mehr gewährleisten zu können, falls eine 4-Wochen-Frist nicht eingehalten wird. Zu Beginn schrieb ich diese DAD-Briefe an meine beste Freundin, meinen Freund, meine Mutter und meine Schwester. Später begann ich dann, willkürlich Personen, die sehr viele Informationen und Daten bei Facebook über sich preisgeben, herauszusuchen und diese anzuschreiben.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 







Wie zu erwarten waren die Reaktionen auf die DAD-Briefe sehr unterschiedlich. Meine Schwester ignorierte den Brief völlig und schmiss ihn am selben Tag in den Müll. Meine Mutter diskutierte mit meinem Vater über den Brief und den Sinn, herausfinden zu wollen wie schwer oder groß sie ist. Sie empfand es dabei jedoch überhaupt nicht beunruhigend, zu sehen, wie viele Informationen über sie im Internet zu finden sind. Mein Freund dagegen beschäftigte dieser Brief schon sehr viel mehr. Er erzählte mir ganz schockiert, dass irgendjemand aus Osnabrück ihn stalken würde. Dann begann er sich wilde Theorien zu überlegen, wieso jemand so viele Informationen über ihn zusammentragen würde. Hat er jemandem etwas angetan? Oder hat er vielleicht nur falsch geparkt?
Von einer jungen Frau bekam ich das Korrekturformular sogar zurückgeschickt. Allerdings nicht ordnungsgemäß ausgefüllt, sondern zerknittert, durchgestrichen und beschriftet mit der Frage: „Was soll dieser Scheiß?“ Doch die wohl intensivste und emotionalste Reaktion kam von meiner besten Freundin. Sie erzählte mir später, dass sie schockiert und verängstigt war nachdem sie den Brief gelesen hatte. Sie wusste zwar, dass diese Informationen alle im Internet zu finden sind, doch die Vorstellung, dass jemand sich die Mühe macht diese Daten zusammenzutragen, war für sie sehr beunruhigend. Als erstes rief der Brief auch bei ihr die Assoziation mit einem Stalker hervor. Will sich ihr Ex-Freund an ihr rächen? Schließlich entschied sie sich, noch am selben Tag zur Polizei zu gehen und eine Anzeige gegen Unbekannt zu schalten. Auch die Polizei konnte sich keinen Reim auf den DAD-Brief machen, versprach aber dieses Thema weiterhin zu verfolgen und riet ihr, alle Passwörter zu ändern und demnächst vorsichtiger mit der Herausgabe von persönlichen Daten umzugehen. Auch noch Tage später sagte meine Freundin, dass sie in der nächsten Zeit erst einmal keine Fotos oder Posts mehr auf Facebook veröffentlichen würde..

Somit erreichte die Intervention "Deutsche Agentur für Datensicherheit" meiner Meinung nach das angestrebte Ziel, Aufmerksamkeit zu erregen. Ich schaffte es, einen Weg zu finden der die Adressaten schockiert und ihnen "schwarz auf weiß" vor Augen führt, wie viele private Informationen über sie öffentlich im Internet zu finden sind. Sie werden durch die direkte Konfrontation und die erschütternde Wahrheit dazu angeregt, sich mit ihrem Verhalten auseinander zu setzen und etwas daran zu verändern (z.B. wie meine beste Freundin, die erst einmal keine Posts und Fotos mehr bei Facebook veröffentlichte und sich vornahm, im Internet weniger private Informationen über sich preiszugeben). An dieses Ergebnis könnte z.B. mit der Bearbeitung des Interventionsthemas an Schulen, angeknüpft werden. Schon mit 13 Jahren ist es offiziell möglich einen eigenen Facebook Account zu eröffnen. Somit könnte meine Intervention "Deutsche Agentur für Datensicherheit" ungefähr ab der 7ten Klasse eingesetzt werden – allerdings in abgewandelter Form. Eine Projekttag zu dem Thema "Was findet man im Netz?" könnte z.B. so aussehen, dass die Schüler und Schülerinnen die Aufgabe bekommen, einen DAD-Brief an sich selbst zu schreiben. Sie sollen herausfinden, welche personenbezogene Daten und Informationen sie auf Facebook oder anderen sozialen Netzwerken angegeben haben und welche Einträge man findet, wenn man ihren Name googelt. Recherchen über sich selbst anzustellen ist bestimmt interessant für die Schüler und Schülerinnen, da sie erleben können wie ein Stalker arbeitet und wie Tracking funktioniert. Zudem werden sie verstehen, dass das Internet wirklich alles speichert und erkennen, dass viele private Informationen zu leicht öffentlich zu finden sind. Dadurch lernen sie die mögliche Gefahren kennen und diese besser einzuschätzen. Außerdem könnte an diesem Projekttag besprochen werden, wie man seine Privatsphäre-Einstellungen bei Facebook ändert: Wer darf meine Inhalte sehen? Wer kann mich kontaktieren? Und wie verhindere ich, dass mich jemand belästigt?
 
Interventionen im öffentlichen Raum versuchen immer, ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Dies ist allerdings mit meiner "DAD"-Intervention nicht möglich, da jeweils nur einzelne Personen angeschrieben werden können. Während meiner Recherchen bin ich jedoch auf das interessante Dokumentarfilmprojekt "Do Not Track" gestoßen, dass das Thema meiner Intervention weiterführt und es einem breiteren Publikum zugänglich macht. Alle zwei Wochen, vom 14. April bis zum 9. Juni 2015, wird eine Folge veröffentlicht und erklärt, wie das Internet zu dem geworden ist was es heute zunehmend ist: Ein Instrument der Überwachung. Dabei zielt es, genau wie die DAD-Intervention, darauf ab, dass nicht nur verstanden, sondern auch erlebt werden soll was Tracking bedeutet. "Do Not Track" zeigt, wie ein zweites digitales Ich entsteht und versucht dem Internetnutzer die Kontrolle über persönliche Daten zurückgeben.

Abschließend ist noch einmal wichtig, zu betonen, dass sorgfältiger mit der Herausgabe von persönlichen Informationen umgegangen werden muss und immer genau überlegt werden sollte, wem man seine Daten anvertraut und warum.


von: Pia van Alebeek
 





 

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